Der Superchrist – Sein, oder nicht sein?

Wer kennt das nicht? Man ist Christ und arbeitet mit Kollegen zusammen, die man sich nicht ausgesucht hat. Jeder weiß, dass man Christ ist und die „freundlichen“ Mitarbeiter machen sich häufig eine Spaß daraus, den „hinterwäldlerischen Christen“ zu veräppeln und manchmal auch zu mobben. Die Fehler, die man als Christ macht, genauso wie die Charakterfehler, die man als Christ hat, sind offensichtlich bekannt für jeden dieser Kollegen, weil man genau unter der Beobachtung der Kollegen steht. Die Kollegen testen vielleicht, wie weit sie gehen können, damit der Christ am Arbeitsplatz die Beherrschung verliert, so dass sie sagen können: „Wir haben´s doch gewusst, Du bist einfach nur ein Heuchler!“

Stellen wir uns vor, ein Christ arbeitet an seinem Arbeitsplatz und dieses Spiel geht schon lange so. Plötzlich fällt wieder eine bissige Bemerkung, die ins Zentrum der Persönlichkeit des Christen zielt. Er ist verletzt und denkt sich: Jesus hat gesagt, man soll seine Feinde lieben und sie segnen, aber ich bin verletzt, ich hasse dieses A*?%&§. Trotzdem macht er dann ein freundliches Gesicht und versucht mit zusammengepressten Lippen und einem zusammengezogenen Herzen eine freundliche Antwort hervorzupressen. Jetzt ist er eigentlich genau dort, wo er nie sein wollte – er ist tatsächlich zum Heuchler geworden.
So ging es mir tagtäglich an meinem Arbeitsplatz. Anstatt meinem Zorn einmal Ausdruck zu verleihen, heuchelte ich eine Sanftmut vor, die ich selbst nicht besaß. Nur um nicht zugeben zu müssen, dass ich einfach nicht perfekt bin.

Wir Christen meinen haargenau zu wissen, wie wir sein sollten, denn unser Vorbild ist Jesus Christus, der für seine Feinde betete und ihnen vergab. Trotzdem müssen wir auch wissen, dass Jesus Christus auch sehr zornig werden konnte und seinem Zorn Ausdruck verlieh. Z. B. als er die Geldwechsler mit einer Geisel aus dem Tempel trieb, und als er die Pharisäer wegen ihrer Heuchelei und Bosheit beschimpfte.

Aber leider sind wir selber Tag für Tag mit unseren Sünden und Charakterfehlern konfrontiert. Wir haben vielleicht ein Bild im Kopf, das wir uns ansehen und meinen, dass wir genau so sein sollten. Wir stellen uns vor, gute und faire Menschen zu sein, die dem Herrn Ehre machen und über die er sich freut. Doch dann stellen wir wieder fest, dass wir einfach immer wieder an den selben Charakterfehlern straucheln, sündigen und negative Gedanken und Gefühle haben. Es klappt einfach nicht! Wir erreichen einfach nicht unsere gesteckten Ziele und werden unserem eigenen charakterlichen Maßstab, dem Ziel, das wir anstreben, nicht gerecht.
Doch sind diese Ziele eigentlich das, was der Herr will oder das, was wir wollen? In den Köpfen vieler Christen gibt es das Bild eines Superchristen, der alles richtig macht. Bob George geht in seinem Buch „Das Leben ist zu kurz, um die Hauptsache zu verpassen“ darauf ein:

„Es gibt eine bestimmte Denkhaltung, die ganz besonders zerstörerisch ist, genannt „Phantom-Christ“. Der Phantom-Christ ist eine Person in unserer Einbildung, mit der sich viele von uns vergleichen. Er ist der super-geistliche Mann, der jeden Morgen um 4 Uhr aufsteht, damit er vier Stunden beten kann. Dann liest er vier Stunden lang die Bibel. Anschließend geht er zur Arbeit (wo er natürlich der Beste ist), wo er jedem Kollegen in seinem Büro von Christus erzählt. Er hält mehrere Bibelstunden, geht immer zur Kirche und engagiert sich in diversen Ausschüssen. Außerdem ist er ein wunderbarer geistlicher Führer zu Hause – ein Musterbeispiel von einem liebevollen Ehemann und Vater, der jeden Tag anregende Familienandachten abhält für seine „Sprüche 31″- Frau und seine perfekten Kinder.“

(Ein Zusatz von mir: Der Phantom-Christ ist immer freundlich, mitfühlend, verspürt keinen Ärger und verhält sich stets korrekt.)

Bob George führt weiter aus: „Selbstverständlich könnte niemand nach solch einem Maßstab leben. Selbst wenn der eine oder andere die Fähigkeit hätte, der Tag müsste für ihn mindestens 100 Stunden lang sein! Von der Vernunft her wissen wir alle, dass der Phantom-Christ lächerlich ist, aber das Problem ist, dass es uns niemals richtig bewusst wird. Er ist wie ein schemenhaftes Gespenst, das irgendwo in unserem Hinterkopf sitzt und ein Gefühl des Scheiterns bei uns hervorruft. Und darum leben so viele Christen mit ständigen Schuldgefühlen. Für die, die glauben, dass der Phantom-Christ Gottes Maßstab ist, um von ihm angenommen zu werden, für die scheint Gott unerreichbar weit fern, im Himmel sitzend und missbilligend die Arme verschränkt. Sie geben sich gar nicht erst Mühe, zu Gott zu beten, weil sie wissen, dass er ihnen sowieso niemals antworten würde.“

(Auszug aus dem Buch von Bob George „Das Leben ist zu kurz, um die Hauptsache zu verpassen“, Seite 124-125.)

Ich weiß nicht, wie es dem Leser geht, aber ich habe dabei immer das Bild von Ned Flanders von den Simpsons im Kopf :-).

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Die Frage, die ich mir stelle: Will Gott wirklich, dass ich so bin, oder ist das nur mein Hang nach Perfektion, der letztendlich total falsch ist?

Ich glaube, dass Gott keine aus sich heraus perfekte Menschen will. Ich glaube auch nicht, dass ich selber so werden sollte wie der Phantom-Christ oder ein Super-Christ. Das sind immer nur Bilder, die ich im Kopf habe. Ich stelle mir vor, so und so zu sein, und reagiere enttäuscht, wenn ich es wieder nicht geschafft habe. Letztendlich ich will ich Herr in meinem Leben sein, ich will so sein, wie ich es mir vorstelle. Aber der Herr Jesus dagegen will mich so machen, wie Er mich haben will.

Jesus Christus will uns formen. Er will der Herr in unserem Leben sein. Als Adam geschaffen wurde, hat er irgendetwas zu seiner Erschaffung beigetragen? Nein, gar nichts! Wir sollen zu neuen Menschen werden, das stimmt! Aber wieso trauen wir dann Gott und Jesus und dem Heiligen Geist so wenig zu und versuchen immer krampfhaft ein Verhalten zu simulieren, das gar nicht unserem Herzenscharakter entspricht. Heuchelei ist in der Christenheit weit verbreitet. Auch ich bin ein Heuchler und heuchle immer wieder. Doch Gott will nur eins dagegen: Ehrlichkeit. Nur wer ehrlich zu sich selber und zu Gott ist, ist für Gott brauchbar. Er sieht, dass er ein totaler Versager ist und auf die alleinige Hilfe und Pflege durch den Herrn angewiesen ist. Er wird sich in die Hände des Herrn ausliefern, so dass der Herr Jesus ihn so macht, wie Er will.

Wenn wir unsere Entwicklung selber in die Hand nehmen, dann werden wir wie die heuchelnden Pharisäer. Wenn wir die Entwicklung unseres Selbst Gott überlassen – und er hat unzählige Werkzeuge und Möglichkeiten dazu – dann werden wir zu echten Glaubenshelden wie sie Bibel beschreibt. Das sind die, die wir immer wieder so gern bewundern. Gott macht aus jedem Gläubigen ein Unikat. Aber Er tut das. Nicht wir. Und Er wird es wohl besser wissen.

Hes 36,26 Und ich will euch ein neues Herz geben und einen neuen Geist in euer Inneres legen; ich will das steinerne Herz aus eurem Fleisch wegnehmen und euch ein fleischernes Herz geben; 27 ja, ich will meinen Geist in euer Inneres legen und werde bewirken, daß ihr in meinen Satzungen wandelt und meine Rechtsbestimmungen befolgt und tut.

(Natürlich sollen wir die Gebote Jesu Christi halten und tun. Das heißt nicht, dass wir uns faul zurücklehnen und warten, bis Gott uns verändert. Es geht jedoch um die Priorität. Will ich so werden, wie Jesus Christus es will, oder will ich so werden, wie ich es mir vorstelle?)

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