Die Hebrew Roots Bewegung

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Gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut, so lautet ein altes Sprichwort. In der Theologie ist das ähnlich. Durch die Geschichte hindurch zeigte sich, dass gute Ideen sich im Nachhinein als schlecht herausstellten. Die Hebrew Roots Bewegung ist eine davon. Bei der HRB und der Judaisierung des christlichen Glaubens, geht man davon aus, dass dem christlichen Glauben, wie wir ihn seit 2000 Jahren haben, etwas Entscheidendes fehlt: Die jüdische Kultur und die alttestamentlichen Gebote. Es wird durch diese Bewegung massiv versucht, dem christlichen Glauben einen jüdisch hebräischen Anstrich zu geben, und damit entsteht der Anspruch, das volle, ursprüngliche Evangelium zu predigen. Es gibt auf YouTube diverse Videomacher, die diese Lehre aktiv vorantreiben. Sie machen teilweise sehr gute Videos, die auch besonders anerkannt werden müssen, aber sie predigen auch einen gewaltigen Irrtum. So predigen sie das alttestamentliche Sabbatgebot, Speisegebote und Lehren, die auf alttestamentlichen Aussagen beruhen. Aus Jesus wird „Yeshua“, aus Friede wird „Shalom“, viele jüdische Begriffe werden in die Videos aufgenommen, und Judentum wird mit Christentum vermischt. Laut neuster Aussage eines Videomachers, soll sogar unsere Bibelübersetzung falsch übersetzt worden sein, weil die Übersetzer falsche Absichten gehabt haben sollen. Diese Behauptung wird von ihm aufgestellt, damit er die alttestamentlichen Speisegebote in die christliche Lehre mit einbauen kann. Ein anderer stellt sogar die Behauptung auf, dass das Christentum viele Jahrhunderte lang die falsche Lehre gehabt hätte, indem er erklärt, dass die Lehre von Trinität falsch sei und dass es keine ewige Hölle gebe. Die Verwirrung wird immer größer; gleichzeitig scharen diese YouTuber immer mehr Anhänger um sich, die mit in diese Lehren hineingerissen werden.

Doch wie sollten wir diese Lehren beurteilen? Haben die Apostel tatsächlich Speisegebote, Sabbatgebote und Festtage, die im Judentum stattfanden, den Christen befohlen? Fehlt dem christlichen Glauben, wie wir ihn seit 2000 Jahren kennen, die jüdische Identität?

Als erster Anhaltspunkt dient uns zuerst einmal der Galaterbrief. Der Heidenapostel Paulus, der im Gegensatz zu den anderen zwölf Aposteln, die für Israel zuständig waren, der Apostel der Nichtjuden war und im römischen Reich aktiv Gemeinden gründete und das Evangelium predigte, geht in diese Brief sehr scharf gegen Judaisierer vor, die in die Gemeinde eingedrungen waren. Diese Judaisierer gingen ähnlich wie die heutigen Vertreter der Hebrew Roots Lehre vor. Sie sagten sinngemäß: „Es ist ja schön und recht, dass ihr Galater an Jesus Christus glaubt. Um jedoch Gott voll und ganz zu gefallen, müsst ihr Euch beschneiden lassen und das Gesetz des Mose halten. Ihr braucht eine jüdische, hebräische Identität!“ Die Antwort des Apostels Paulus an diese falschen Arbeiter und die von ihnen beeinflussten Galater war:

Gal 5,2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden laßt, wird euch Christus nichts nützen.

Wer die Argumente des Paulus gegen eine Judaisierung des christlichen Glaubens nachlesen will, der sollte zuerst einmal den Galaterbrief lesen.

Schon in der Apostelgeschichte 15 wird uns folgende Begebenheit geschildert:

Die Beratung in Jerusalem über das Verhältnis zu den Heidenchristen

1 Und aus Judäa kamen einige herab und lehrten die Brüder: Wenn ihr euch nicht nach dem Gebrauch Moses beschneiden laßt, so könnt ihr nicht gerettet werden! 2 Da nun Zwiespalt aufkam und Paulus und Barnabas eine nicht geringe Auseinandersetzung mit ihnen hatten, bestimmten sie, daß Paulus und Barnabas und einige andere von ihnen wegen dieser Streitfrage zu den Aposteln und Ältesten nach Jerusalem hinaufziehen sollten. 3 So durchzogen sie nun als Abgeordnete der Gemeinde Phönizien und Samaria, indem sie von der Bekehrung der Heiden erzählten und allen Brüdern große Freude bereiteten. 4 Als sie aber nach Jerusalem kamen, wurden sie von der Gemeinde, den Aposteln und den Ältesten empfangen und berichteten alles, was Gott mit ihnen gewirkt hatte. 5 Aber einige von der Richtung der Pharisäer, die gläubig geworden waren, standen auf und sprachen: Man muß sie beschneiden und ihnen gebieten, das Gesetz Moses zu halten! 6 Da kamen die Apostel und die Ältesten zusammen, um diese Sache zu untersuchen. 7 Nachdem aber eine große Auseinandersetzung stattgefunden hatte, stand Petrus auf und sprach zu ihnen: Ihr Männer und Brüder, ihr wißt, daß Gott lange vor diesen Tagen mitten unter uns die Heiden erwählt hat, daß sie durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben kommen sollten. 8 Und Gott, der die Herzen kennt, legte für sie Zeugnis ab, indem er ihnen den Heiligen Geist gab gleichwie uns; 9 und er machte keinen Unterschied zwischen uns und ihnen, nachdem er ihre Herzen durch den Glauben gereinigt hatte. 10 Weshalb versucht ihr denn jetzt Gott, indem ihr ein Joch auf den Nacken der Jünger legt, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten? 11 Vielmehr glauben wir, daß wir durch die Gnade des Herrn Jesus Christus gerettet werden, auf gleiche Weise wie jene. 12 Da schwieg die ganze Menge und hörte Barnabas und Paulus zu, die erzählten, wieviele Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte. 13 Nachdem sie aber zu reden aufgehört hatten, ergriff Jakobus das Wort und sagte: Ihr Männer und Brüder, hört mir zu! 14 Simon hat erzählt, wie Gott zuerst sein Augenmerk darauf richtete, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen anzunehmen. 15 Und damit stimmen die Worte der Propheten überein, wie geschrieben steht: 16 »Nach diesem will ich zurückkehren und die zerfallene Hütte Davids wieder aufbauen, und ihre Trümmer will ich wieder bauen und sie wieder aufrichten, 17 damit die Übriggebliebenen der Menschen den Herrn suchen, und alle Heiden, über die mein Name ausgerufen worden ist, spricht der Herr, der all dies tut.«1 18 Gott sind alle seine Werke von Ewigkeit her bekannt. 19 Darum urteile ich, daß man denjenigen aus den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten auflegen soll, 20 sondern ihnen nur schreiben soll, sich von der Verunreinigung durch die Götzen, von der Unzucht, vom Erstickten2 und vom Blut zu enthalten. 21 Denn Mose hat von alten Zeiten her in jeder Stadt solche, die ihn verkündigen, da er in den Synagogen an jedem Sabbat vorgelesen wird.

Das Schreiben an die Gemeinden

22 Daraufhin beschlossen die Apostel und die Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte zu erwählen und mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas mit dem Beinamen Barsabas und Silas, führende Männer unter den Brüdern. 23 Und sie sandten durch ihre Hand folgendes Schreiben: Die Apostel und die Ältesten und die Brüder entbieten den Brüdern in Antiochia und in Syrien und Cilicien, die aus den Heiden sind, ihren Gruß! 24 Da wir gehört haben, daß etliche, die von uns ausgegangen sind, euch durch Reden verwirrt und eure Seelen unsicher gemacht haben, indem sie sagen, man müsse sich beschneiden lassen und das Gesetz halten, ohne daß wir sie dazu beauftragt hätten, 25 so haben wir, die wir einmütig versammelt waren, beschlossen, Männer zu erwählen und zu euch zu senden mit unseren geliebten Barnabas und Paulus, 26 Männern, die ihr Leben3 hingegeben haben für den Namen unseres Herrn Jesus Christus. 27 Wir haben deshalb Judas und Silas gesandt, die euch mündlich dasselbe verkündigen sollen. 28 Es hat nämlich dem Heiligen Geist und uns gefallen, euch keine weitere Last aufzuerlegen, außer diesen notwendigen Dingen, 29 daß ihr euch enthaltet von Götzenopfern und von Blut und vom Erstickten und von Unzucht; wenn ihr euch davor bewahrt, so handelt ihr recht. Lebt wohl! 30 So wurden sie nun verabschiedet und gingen nach Antiochia, und sie versammelten die Menge und übergaben das Schreiben. 31 Und als sie es gelesen hatten, freuten sie sich über den Trost. 32 Und Judas und Silas, die selbst auch Propheten waren, ermahnten die Brüder mit vielen Worten und stärkten sie. 33 Und nachdem sie einige Zeit dort zugebracht hatten, wurden sie von den Brüdern mit Frieden zu den Aposteln zurückgesandt. 34 Silas aber beschloß, dort zu bleiben. 35 Paulus und Barnabas hielten sich aber in Antiochia auf und lehrten und verkündigten zusammen mit noch vielen anderen das Wort des Herrn.

Als die Apostel die Stellung der Heidenchristen zum Gesetz des Mose untersuchten, kamen sie zu dem Schluss, dass den Heidenchristen kein großes „Joch“ – gemeint ist die Beschneidung und das Gesetz des Mose, auferlegt werden sollte, – weil, wie Petrus beschrieb, selbst die Juden dieses Joch nicht tragen hatten können (Apg 15,10). Das Gesetz des Mose und die Beschneidung zu halten, war für die Gläubigen aus den Nationen nicht notwendig, sondern sie sollten sich von „Götzenopfern und von Blut und vom Erstickten und von Unzucht“ fernhalten. Hier wurde nicht befohlen, dass die Christen den Sabbat halten sollten, noch dass sie reine und unreine Tiere unterscheiden sollten, es wurden keine Speisegebote gefordert, jedoch wurde den Christen verboten, tierisches Blut als Nahrung benutzen (Blutwurst scheidet also für Christen aus!). Auch ein ersticktes Tier sollte nicht gegessen werden. Es wurde hierin auch nicht gesagt, dass die Christen am Tempeldienst in Israel oder an den jüdischen Festen und Neumonden teilnehmen müssten. Noch dass sie die jüdischen Traditionen halten sollten.

Wenn wir die Briefe der Apostel lesen, denn Christen sind nicht an das Gesetz des Mose gebunden, sondern an die Lehre der Apostel (1Joh 4,6), dann finden wir ganzen Neuen Testament keinen einzigen Befehl, den Sabbat zu halten. Wir finden auch keinen einzigen Befehl, zwischen reinen und unreinen Tieren als Nahrung zu unterscheiden. Sogar das Essen von Götzenopferfleisch wird von unserem Heidenapostel Paulus genehmigt (1Kor 10,27), mit der Einschränkung, dadurch keinen Bruder zu verunsichern oder gar zu Fall zu bringen (1Kor 8,13):

1Kor 10,25 25 Alles, was auf dem Fleischmarkt angeboten wird, das eßt, ohne um des Gewissens willen nachzuforschen;

Wenn Paulus sagt, dass man alles (sic!), was auf dem Fleischmarkt angeboten wird, essen darf – das schließt auch aus jüdischer Sicht unreine Tiere mit ein, denn die Heiden in Korinth unterschieden nicht zwischen reinen und unreinen Tieren wie die Juden – dann meint er es auch so. D. h. auf uns übertragen: alles an Fleisch (kein Blut), welches in der Metzgerei oder dem Supermarkt angeboten wird, darf auch gegessen werden.

Wir finden außerdem an keiner einzigen Stelle in den Briefen der Apostel die Aufforderung oder den Befehl an Christen, den Sabbat nach jüdischer Weise zu halten. (Ich biete jedem, der das Gegenteil behauptet, hier an, mir eine eindeutige Stelle zu zeigen, wo das der Fall ist.) Wiederholt sage ich: Für Christen ist nicht das Gesetz von Sinai verbindlich, sondern die Lehre der Apostel. Selbst die ersten Judenchristen hielten sich an die Lehre der Apostel:

Apg 2,42 Und sie blieben beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten.

Stattdessen sagte Paulus zu den Kolossern:

Kol 2,16 So laßt euch von niemand richten wegen Speise oder Trank, oder wegen bestimmter Feiertage oder Neumondfeste oder Sabbate, 17 die doch nur ein Schatten der Dinge sind, die kommen sollen, wovon aber der Christus das Wesen hat.

Und zu den Römern:

Röm 14,5 Dieser hält einen Tag höher als den anderen, jener hält alle Tage gleich; jeder sei seiner Meinung gewiß!

Bis auf wenige Sekten und spezielle Gruppierungen wurde in der Christenheit nicht der Sabbat gefeiert, sondern der Gottesdienst und Ruhetag war am Sonntag. In der 2000jährigen Kirchengeschichte wurde das vom größten Teil der Christen so gehandhabt. Ich frage die Judaisierer: Haben unsere christlichen Väter nicht richtig gelebt? Haben sie Gott Schande bereitet, weil sie den Sabbat nach jüdischer Form mit allen Ritualen und Richtlinien nicht befolgten? Es scheint mir manchmal, als würden diese Lehrer, die angeblich etwas Neues bringen wollen, 2000 Jahre Kirchengeschichte mit einer Hand vom Tisch wischen wollen. Haben ein Spurgeon, ein Luther, ein Hudson Taylor und die vielen anderen Märtyrer und Christen während 2000 Jahren alles falsch verstanden und nicht richtig vor Gott gelebt, weil sie keinen Sabbat gehalten und vielleicht Schweinefleisch gegessen haben? Waren das alles Narren? Und wenn sie zu Jesus Christus „Jesus“ und nicht „Yeshua“ sagten, waren sie darum weniger geistlich? Sorry, aber im griechischen Grundtext der Bibel steht im Neuen Testament nicht „Yeshua Hamashiach“, sondern „Ἰησοῦς Χριστός – Iēsous Christos“. „ Iēsous steht da, Jesus!“ Ist etwa die hebräische Sprache heiliger als die anderen heidnischen Sprachen? Waren Luther und seine Anhänger ungeistlich, weil sie in deutscher Sprache statt in hebräischer sprachen und schrieben? Ist eine ältere Christin aus Deutschland, die die Lutherübersetzung liest und die nicht über eine fundamentales Bibelstudium über Jahre verfügt, sondern in einfacher Art und Weise an das Wort Jesu glaubt, weniger wert als ein messianischer Jude, der die Bibel im Original versteht und dazu noch griechisch kann? Solche Fragen kommen bei mir auf, wenn ich diese Videos sehe. Sind wir Narren, weil wir das Erntedankfest bei uns feiern und nicht das Laubhüttenfest in Israel?

Anbei noch einige Vorträge, die Licht in diese Fragen bringen, von Dr. Roger Liebi, der zwar ein Israelfreund aber kein Judaisierer ist:

Nachtrag vom 18.06.2017: Interessante Predigt von Norbert Lieth zum Thema „Neuer Wein in neue Schläuche“:

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5 Gedanken zu „Die Hebrew Roots Bewegung“

  1. Vielen Dank für deine Worte. Auch ich habe etliche Jahre den Sabbat gehalten, aber auf die Dauer war es rein praktisch nicht möglich.
    Was aber ein Grund wäre: Der Sabbat wird auch in den 10 Geboten erwähnt. Darüber könnte man vielleicht stolpern. Aber wie du ja auch schreibst, die Apostel erwähnen nicht den Sabbat als Gebot.
    Was mir aber in den letzten Wochen schwer durch den Kopf geht:
    Mir wurde gelehrt, dass es kein ewiges Höllenfeuer gibt, sondern „der ewige Tod“ nach dem Gericht stattfindet, also die Hölle nur für den Teufel, den falschen Propheten und den Antichristen gemacht ist.
    Gott würde niemals Menschen im ewigen Feuer belassen, das würde sich mit seiner Liebe nicht vereinbaren.
    Ein schwieriges Thema, und vor allem ein „Tod“ernstes Thema.
    Herzliche Grüße von
    Rosmarie

    1. Hallo Rosmarie,

      ich denke, wenn das ewige Leben ewig ist, dann ist auch die Verdammnis ewig. Jesus Christus hat sehr eindrücklich vor der Hölle gewarnt. Würde eine verlorene Person nur ausgelöscht werden, dann wäre so eine intensive Warnung höchstwahrscheinlich nicht nötig gewesen. Meine Meinung.

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