Die heilige Kuh

488893_web_R_K_B_by_Gerd Altmann_pixelio.de
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Man kommt ja im Leben mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt. Manche Menschen sind einem sofort sympathisch, manche weniger. Von manchen Menschen braucht man nur ein paar wenige Sätze zu hören und man kann sie schon leicht einschätzen. Manche dagegen sind schwerer durchschaubar, vorausgesetzt man will sie durchschauen. Und trotzdem bleibt der Mensch für andere Menschen auch oft ein tiefes Mysterium. Auch im christlichen Sektor ist das so. Ich bin jedoch dort auf ein Phänomen aufmerksam geworden, das ich die „heilige Kuh“ nenne. Während vieler Gespräche mit Christen und solchen, die sich als Christen bezeichnen, sticht dieses Phänomen oft sehr stark hervor. Die heilige Kuh ist etwas, dass es einem leicht macht, seinen Freund oder Feind durchschauen zu können und wissen zu können, woran man bei seinem Gegenüber ist. Bei den Zeugen Jehovas hört sich das vielleicht folgendermaßen an:

Klingelt an der Tür

„Hallo, wer ist da?“

„Wir sind gerade bei Ihrem Haus und wollen gerne mit ihnen über die gegenwärtigen Katastrophen reden, die sich ereignen, und über das Buch, in dem alles vorhergesagt wurde.“

„Das ist ja schön, ich höre gerade eine Predigt darüber.“

„Sind sie gläubig?“

„Ja, ich glaube an Jesus Christus.“

„Ja, aber wir gehen im Gegensatz zu den Namenschristen von Haus zu Haus. Wir nehmen den Missionsauftrag von Jehova sehr ernst.“

Der letzte Satz ist einer der Sätze, die ich heilige Kuh nenne. Indem sie sich von den „Namenschristen“ abgrenzen, weil sie ihre Traktate, Bücher und Zeitschriften verteilen, geben sie damit zu verstehen, dass sie sich von den übrigen Christen unterscheiden. An der heiligen Kuh erkennt man sofort die Einstellung der betreffenden Personen – es ist das, was sie vor anderen hervorheben soll. Der Satz kommt meistens, nachdem man sich selber zuerst als gläubig „geoutet“ hat.

Eine andere Kuh ist folgende:

„Guten Tag, ich sehe, sie lesen die Bibel.“

„Ja, und ich glaube auch daran.“

„Sehr schön, ich auch. Wissen sie, heute ist alles noch ganz genauso wie zur Zeit der Apostel. Jesus tut heute noch große und mächtige Zeichen und Wunder.“

Diese heilige Kuh, im letzten Satz ausgedrückt, zeigt, dass wir es mit einem Pfingstler oder Charismatiker zu tun haben. Er trifft keine Unterscheidung zwischen der Anfangszeit der Gemeinde, in der es tatsächlich große Zeichen und Wunder gab, und der Endzeit, in der Zeichen und Wunder Verführung darstellen. Wir wissen also sofort, dass wir es möglicherweise mit jemanden zu tun haben, der höchstwahrscheinlich auch selber viele Wunder erlebt haben will und die Geistesgaben (über)betont.

Einen anderen erkennen wir folgendermaßen:

„Sind sie Christ?“

„Ja, ich glaube an Jesus Christus.“

„Ich auch, das freut mich, sie kennen zu lernen. Sie müssen wissen, dass die Errettung davon abhängt, ob wir den Sabbat halten und die Gesetze genau befolgen.“

Hier haben wir es höchstwahrscheinlich mit einem Sabbatisten oder Adventisten zu tun. Er glaubt, einen anderen davon überzeugen zu müssen, den Sabbat zu halten, damit er auch wirklich gerettet werden kann, laut seiner Bibelauslegung. Die heilige Kuh ist hier der Sabbat und das Gesetz.

Die heilige Kuh besteht hauptsächlich aus der Aussage „Jesus und …“. Dieses „und“ ist für die betreffende Person so wichtig, dass sie es schon bei der Vorstellung herüber bringt. Jehova und der Wachturm. Jesus und die Charismen. Jesus und der Sabbat. Die heilige Kuh ist nicht immer falsch, aber meistens ist es genau die Sache, bei der die Person irrt. Passt mal genau darauf auf, wenn ihr mit anderen, die sich als Christen bezeichnen, redet.

Natürlich hat jeder von uns so etwas wie eine heilige Kuh. Er tritt in bestimmter Art und Weise auf und stellt sich meistens so vor, dass das Gegenüber etwas mit ihm anfangen kann und ihn ungefähr einordnen kann. Aber manchmal erkennt man auch direkt, wo sich eine Person abgrenzen will, was sie glaubt und wie sie andere „bekehren“ will.

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