Die Verschiebung der Prioritäten (Teil 1)

DSCN1116 (Large)Joh 6,30 Da sprachen sie zu ihm: Was tust du denn für ein Zeichen, damit wir sehen und dir glauben? Was wirkst du?

Es ist seit langer Zeit das Bestreben des Menschen, sich Gott dienstbar zu machen. Es ist zwar wahr: Wir sind auf Gott angewiesen! Gott ist das Leben und er versorgt uns in der Regel mit allem, was wir zum Leben brauchen.

Aber Gott ist nicht unser Knecht, sondern wir sollten normalerweise Knechte Gottes sein (vgl. Lk 17,10). In unserer Zeit ist alles auf den Kopf gestellt. Nicht nur in der Welt, die nichts vom biblischen Gott wissen will, sondern auch in der „christlichen Welt“. Heute sagt man nicht mehr „tue Buße!“, sondern „empfange die Kraft Gottes“. Man sagt auch nicht mehr „sei heilig“, sondern „Gott liebt dich so, wie du bist“. Und aus „heilig, heilig, heilig“ wurde letztendlich „Gott ist mein bester Kumpel“. Was ist hier geschehen? Es hat eine gewaltige Verschiebung im Denken vieler Gläubigen gegeben. Früher hatte man zum großen Teil noch mehr Ehr-Furcht vor dem Heiligen Gott. Man wusste instinktiv, dass man vor einem Heiligen Gott nicht bestehen kann, wenn denn Jesus Christus nicht für uns am Kreuz gestorben wäre. Wie ein Martin Luther musste man an-erkennen, dass man ohne das Kreuz Christi hoffnungslos verloren gewesen wäre und dass nur durch die Gnade Gottes verhindert wurde, ins ewige Feuer, in die Hölle zu kommen. Man war in der Regel unendlich dankbar, letztendlich dem Teufel und seiner Macht, mit der er ein Leben knechten kann, entronnen zu sein und von nun an einem gütigen Herrn zu gehören.

Auch war das größte Problem im persönlichen Christenleben die Frage:

Wie kann ich gerecht und heilig vor Gott leben?

Diese Frage ist heute häufig im Hintergrund; im Vordergrund steht darum dann die Frage:

Wie kann Gott mir helfen, gesund, reich und glücklich zu werden?

Merken wir, was hier passiert ist: Aus einem Gott, der uns gebietet, wurde ein Gott, dem wir gebieten. (Der Leser braucht nicht zu glauben, dass ich, der Autor dieser Zeilen, besser wäre. Nein, wir sitzen alle in einem Boot! Wir haben alle versagt, den Ansprüchen eines Heiligen Gottes zu genügen.)

Wer diese Tatsachen noch kennt, ist schockiert, wenn er sieht, wie weit die Christenheit schon von der Wahrheit abgedriftet ist.

Ein Beispiel: Ich war einmal ein großer Fan der Serie „Hof mit Himmel“, die er ERF ausstrahlte, aber auch vom Online-Angebot des ERF im Internet. Bei „Hof mit Himmel“ waren meist interessante Gäste eingeladen, die über ihr Leben sprachen. Sie schilderten in der Regel zuerst, wie sie ohne Gott gelebt hatten, dann in eine Krise gekommen und schließlich gläubig geworden waren. Normalerweise gab es an den spannenden Interviews nichts zu beanstanden, wenngleich auch manchmal merkwürdige Personen, die merkwürdige Dinge schilderten, darunter waren. Doch dann wurde das Sendeformat geändert. Aus „Hof mit Himmel“ wurde „Mensch, Gott!“. Schon von Anfang an fand ich diesen Titel leicht irritierend, weil Gott und Mensch plötzlich auf einer Stufe standen, doch ich sah einfach darüber hinweg. Auf jeden Fall wurde die Sendung ab diesem Zeitpunkt verstärkt „wunderlastig“. D. h. die Wunder, die die interviewten Personen zu schildern hatten, traten immer stärker in den Vordergrund, wobei das biblische Evangelium immer mehr in den Hintergrund rückte. Plötzlich war von Begegnungen mit Verstorbenen, von Ausflügen in den Himmel, übernatürlichen Krankenheilungen, Nahtoderlebnissen, von Jesus- und Engelserscheinungen, von Kräften, Zeichen und Wundern die Rede. Der Hauptaspekt lag nicht mehr darin, zu erkennen, dass man ein unverbesserlicher Sünder ist, sondern im Erkennen und Heilen von seelischen Verletzungen, die der betreffenden Person meist von ihrem Umfeld zugefügt worden waren. Gott war in den Berichten hauptsächlich dazu da, das verlorengegangene Selbstwertgefühl und das damit verbundene Wohlgefühl wieder herzustellen. Aus einer Nebenwirkung, die mit der Annahme des Evangeliums einhergeht, das müssen wir sicherlich auch beachten, wurde jedoch eine Hauptwirkung gemacht. Ob es sich in allen Fällen wirklich um den Gott der Bibel gehandelt hat, wage ich schwer zu bezweifeln. Es standen also der Mensch und seine Bedürfnisse im Vordergrund und nicht mehr die Forderungen eines Heiligen Gottes an den Menschen.

Was zusätzlich ausgeblendet wurde, war zum größten Teil die Botschaft der Bibel. Man sagte nicht mehr: „So steht es geschrieben!“, sondern jetzt hieß es: „Ich habe erlebt!“. (Dass Erlebnisse auch von der anderen Seite gewirkt werden können, – dazu wahrscheinlich in den nächsten Teilen mehr.) Als ERF-Zuschauer stellte ich mir verzweifelt die Frage, was denn auf einmal geschehen war, dass beim ERF Extremcharismatiker genauso wie falsche Propheten, von denen nachgewiesen werden kann, dass sie falsche Dinge prophezeit haben, eingeladen wurden, und dass so gut wie gar keine biblische, evangelistische Botschaft mehr erwähnt wurde. Stattdessen wurden in einem Beitrag sogar Menschen aufgefordert, vor die Bildschirme zu sitzen und sich heilen zu lassen, eine Praktik, die auch die TV-Scharlatane haben, die alles Heilige in den Dreck ziehen. Und was mich noch mehr erstaunte, war, dass es anscheinend überhaupt keine Kritik oder Ermahnung von den Zuschauern zu den Videos gab. Stattdessen gab es hauptsächlich Lob und Anerkennung. Ich kann das bis heute nicht fassen. Was ist nur aus dem ERF geworden?

Ich bin noch im Besitz von ein paar älteren Büchern, die vom ehemaligen ERF-Seelsorger Richard Kriese geschrieben wurden (auch hier im Blog schon erwähnt). Diese Bücher sind für mich kostbar, weil Richard Kriese sich in richtiger Art und Weise mit Leid und Anfechtung im Leben eines Christen befasst hat, indem er Prozesse aus der Natur und Industrie in bibeltreuer Weise mit der Botschaft aus der Bibel verband, so dass die Botschaft der Bibel dadurch verständlicher war. So etwas zu lesen, ist Balsam für die geschundene Seele. Aber das, was heute traurigerweise vom ERF kommt, ist eine Verschiebung vom Glauben zum Schauen. Nicht mehr das Vertrauen auf das Wort, sondern das Vertrauen auf Erlebnisse. Doch diese können trügen. Damit einher geht auch die Verschiebung der Ehrfurcht vor Gott bis hin zum netten Opa-Daddy-Gott, der den Kopf tätschelt. Ich will hier den Machern keine bösen Motive unterstellen, sicherlich meinen sie es gut. Aber gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut; und auch ich bin vom Niedergang unserer Zeit in gewisser Weise betroffen und daher nicht besser…

Hier geht´s zu Teil 2
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