Gläubige Realisten

DSCN0235 (Medium)Die Bibel berichtet uns nicht nur das Wirken Gottes, sondern auch die Geschichten der Heiligen, die mit Gott unterwegs waren. Während die weltliche Geschichtsschreibung oft sehr ungenau ist, wird uns in der Bibel die Geschichte vom Anfang bis zum Ende der Welt zusammengefasst. Einmal gehen die Autoren der Bibel, die vom Heiligen Geist beim Aufschreiben der Tatsachen geleitet wurden, sehr tief ins Detail, manchmal schreiben sie oberflächlich. Was aber nicht verschwiegen wird, sind die Fehler und Makel der Gottesmänner. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass an den Berichten und Biografien nichts geschönt wurde. Man erkennt auch, dass es sich reale Beschreibungen handeln muss, denn auch wir Bibelleser werden immer wieder feststellen, dass wir über ähnliche Fehler wie die Glaubenshelden verfügen. Wenn schon die Bibel sehr realistisch ist, dann sollten wir es auch sein.

Gott sieht die Welt so, wie sie ist. Bei seinen Aussagen zu Menschen und Völkern nimmt er kein Blatt vor den Mund und gibt eine völlig reale Beschreibung der negativen Handlungen, der falschen Denkweisen und der Versäumnisse. Aber er anerkennt auch das Gute.

Ich denke, wir Gläubigen sollten auch Realisten sein. Der Glaube ist nichts für Träumer und Fantasten, sondern für die Menschen, die die Welt aus dem Blickwinkel Gottes sehen; das Gute wie das Schlechte.

Wohl kein Umstand hat meiner Meinung nach der Evangeliumsverkündigung so geschadet, wie unrealistische Schwärmerei und Abgehobenheit der Gläubigen. So begegnen mir immer wieder Menschen, deren Glauben eher abstoßend als anziehend ist. Neulich begegnete mir auf YouTube ein Kommentator, der felsenfest behauptete, dass ein Christ niemals krank werden könne, und dass es eine Sünde wäre Medikamente zu nehmen. Für mich als chronisch kranken Menschen wäre das eine sehr gefährliche Angelegenheit, wenn ich die Medikamente einfach so absetzen würde. Das könnte sogar meinen Tod bedeuten. Hoffentlich richtet dieser Mensch einmal keine große Katastrophe an, wenn er diese Meinung, die überhaupt total unbiblisch und unrealistisch ist, einem Schwerkranken weitergibt, und dieser seinen Rat befolgt und sich damit schadet. Ich weiß nicht, woher diese Leute kommen, aber es gibt sie immer wieder. Sie haben eine völlig falsche Auffassung der Realität, denn Christen können wie alle anderen Menschen auch an Krankheiten leiden und auch sterben. Dieser Kommentator war kein Realist, sondern ein kranker Schwärmer.

Ebenso sollte wir realistisch mit uns selber sein. Der Mensch, dem ich am wenigsten vertraue, bin ich selber. Wer sich durch den Spiegel Gottes betrachtet, beim Bibellesen, der wird nach und nach immer kleinlauter werden, wenn es um die eigenen Verdienste und Errungenschaften im Leben geht. Er weiß, das er aus sich selber herzlich wenig vermag, dass er unstet und wankelmütig ist, dass er mehr auf sich selber als auf andere bedacht ist. Er erkennt zusätzlich, dass er in seinem Vermögen, die Dinge anzupacken und zu verändern, deutlich begrenzt ist. Auch seine Sündennatur, die ihm immer wieder seine Unzulänglichkeit vorhält, ist stets präsent. Aber es gibt immer wieder „Christen“, die behaupten, nicht mehr sündigen zu können. Sie sind der felsenfesten Überzeugung komplett heilig zu sein und niemals einen kleinen oder groben Fehler zu machen. Dabei wird jeder, der nur äußerlich an ihrer frommen Fassade kratzt, sehr schnell vom Gegenteil überzeugt werden. Die Realität, auch wenn sie hartnäckig ausgeblendet wird, wird sie eines Tages gnadenlos einholen; spätestens dann, wenn sie vor dem Richterstuhl Christi stehen.

Sollten wir dann auch in Bezug auf Gott Realisten sein? Der Glaube rechnet mit einer unsichtbaren Wirklichkeit, aber er rechnet auch mit unfassbaren Größe Gottes. Wir lesen in der Bibel immer wieder von Menschen, die an den Rand ihrer Möglichkeiten und Kräfte kamen. Doch dann griff Gott ein. Er half ihnen in erstaunlicher Art und Weise. Er tat große Wunder und erwies sich als völlig vertrauenswürdig. Meiner Meinung nach sollte wir unsere menschliche Realität von der Realität Gottes sorgfältig trennen. Gott ist nicht so begrenzt wie wir. Gott kann nicht nur gegen die Naturgesetze handeln, er kann auch aus nichts etwas schaffen. Das ist die Realität Gottes. In Bezug auf uns selber und diese Welt, sollten wir Realisten sein, aber nicht in Bezug auf Gott. Natürlich müssen wir uns dabei in dem Rahmen bewegen, den Gott vorgibt. Wir müssen uns an Gottes Gebote und Vorgaben halten, wenn wir wollen, dass er uns recht leitet. Wir müssen uns auch an sein Wort und dessen Realität halten. Wir dürfen aber auch mit übernatürlichem Eingreifen Gottes in einer verfahrenen Situation rechnen. Gott hat sich immer wieder als der erwiesen, der Ausweg aus Sackgassen schuf, der in der Wüste versorgte, und der für sein Volk stritt und kämpfte. Dabei bediente er sich oft völlig für uns unrealistischer Hilfsmittel. Ich glaube sogar, dass wir nie zu gering von Gott denken sollten. Gott beschreibt zwar die Zustände auf dieser Welt realistisch, aber er findet sich nicht damit ab. Immer wieder geht er einzelnen Menschen hinterher, redet zu ihnen und will sie retten. Er beklagt auch nicht die Umstände, sondern krempelt sinnbildlich die Ärmer hoch und macht sich daran, auf die Realität positiv einzuwirken, sie zu verändern. Darum kam ja auch Jesus Christus, der menschgewordene Gott, in diese Welt, die er durch seinen Tod erlöste und uns eine eine Tür zum Himmel eröffnete.

Ein gläubiger Realist muss kein Schwarzseher sein. Er registriert zwar, was um ihn herum vorgeht, urteilt realistisch, aber wenn er mit Gott unterwegs ist, wird er diese Dinge anpacken und verändern wollen. Dabei setzt er sein volles Vertrauen auf Gott, der das Unmögliche möglich machen kann.

Spr 3,5 Vertraue auf den Herrn von ganzem Herzen und verlaß dich nicht auf deinen Verstand; 6 erkenne Ihn auf allen deinen Wegen, so wird Er deine Pfade ebnen.

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