Heute zum halben Preis

DSCN1157 (Large)Jetzt werde ich 40 Jahre alt. Eben noch war ich ein kleiner Junge in einem, bzw. zwei Bauerndörfern, die von dem Geratter von Fendt und Deutz geprägt waren – den zwei größten Traktormarken. Eben noch hatte ich in der Schule „Heimat-und-Sachkunde“, lernte die Natur und Tierwelt kennen. Ich ging mit meinen Kindheitsfreunden in die Wälder und Wiesen, auch bei Schulausflügen, und wir sangen die traditionellen Lieder, die wir in der Schule im Musikunterricht durchgenommen hatten. Lieder wie: „Ein Jäger aus Kurpfalz“, „Das Wandern ist des Müller´s Lust“, „Grüne Tannen“ und so weiter. Natürlich auch „Life is Life“ von Opus oder „99 Luftballons“ von Nena, Lieder, die in den 80er Jahren im Radio kamen.

Ich kannte die Ställe der Bauern von innen, viele Bauernkinder gingen mit mir in die Schule. Ich wusste, wie die Tiere rochen, wie das Heu und Stroh roch, und wie viele Fliegen in einem Stall sein können. Ich kannte das raue Leben bei den Bauern, die die ganze Woche arbeiteten und keinen Urlaub hatten, dafür aber am Wochenende ins örtliche Wirtshaus gingen, um Bier zu trinken und Schafkopf zu spielen. Man sah das raue Leben in den Gesichtern der Väter und der Mütter, die auch den Stall-Geruch an ihrer Arbeitskleidung hatten, die sie unter der Woche trugen. Am Abend oder am Wochenende trug man natürlich eine andere Kleidung.

Obwohl meine Eltern keine Bauern waren, so war doch das örtliche Leben von der Landwirtschaft geprägt. Der Jahreszyklus zwischen Aussaat, Frühling, Sommer, Herbst, mit seiner Ernte, war auch unser Zyklus. Wir hatten zwar keine Felder und Wiesen, dafür aber einen Garten mit allerlei Fruchtstauden und Fruchtbäumen. Meine Mutter und meine Oma machten den Jahreszyklus unserer Heimat in der Form mit, dass im Frühjahr gesät, die Blumen, das Obst und das Gemüse gegossen, gepflegt und im Herbst geerntet, eingemacht oder anderweitig gelagert wurde. Die Menschen wurden vor noch nicht all zu langer Zeit stärker vom Wetter und dem Jahresrhythmus geprägt, als es heute der Fall ist. Auch wenn ich heute aus der katholischen Kirche ausgestiegen bin, so habe ich doch immer noch das Kirchenjahr im Kopf, dass sich nach den Vorgängen in der Natur orientierte. Ähnlich findet es auch im Land Israel statt, dessen Feste jeweils zu bestimmten Jahreszeiten stattfinden, die sich nach dem Mond- und Sonnenjahr und der jeweiligen Jahreszeit richteten. Mensch und Natur sollten verbunden bleiben, ebenso wie Mensch und Tier.

Doch diese Verbundenheiten sind heute in vielen Teilen nicht mehr da. Wir haben Supermärkte, diese bieten uns im tiefsten Winter das frischeste Obst an, wer braucht da schon Früchte einzuwecken, bzw. einzumachen? Wer muss geduldig gießen und warten bis die Früchte und das Gemüse reifen? Wir haben Supermärkte, wer braucht schon noch den Bäcker vor Ort, den Schlachter oder den Tante-Emma-Laden? Die Supermärkte liefern uns alles billiger, als die früheren ortsansässigen Fleischer, Bäcker, Bauern und Händler, die in unseren Orten wohnten, es jemals gekonnt haben. Stattdessen mussten sie jetzt bei den größeren Firmen und Konzernen arbeiten, die mit der Zeit aufkamen; und sie waren dadurch nicht mehr selbstständig. So wurden über die Jahre die Kleinen von den Großen aufgekauft, geschluckt, manchmal auch vernichtet. Mega-Große Konzerne schluckten die Halb-Großen, drängten die Kleinen aus dem Markt, bestimmten den Wettbewerb, und heute sehen wir uns der Monopolisierung der Wirtschaft gegenüber. Die Welt wird von ganz wenigen Personen beherrscht, die sich über viele Jahre die ganzen Konzerne einverleibt haben. 147 Konzerne regieren die Welt, wie ausgerechnet wurde. Zwar blieben noch einige Namen der alten Produkte erhalten, doch sie gehörten von nun an den Superkonzernen, die über das Patent verfügten. So bekommen wir unser Fleisch und unsere Wurst nicht mehr vom heimischen Metzger, sondern von den riesigen Schlachthöfen, teilweise auch aus dem Ausland. Die Bäcker arbeiteten in großen Firmen, am Fließband, ohne Einfluss auf Rezeptur und Geschmack des Gebackenen zu haben. Es gibt fast nur noch einheitliche Backwaren und Mixturen. Egal, wo du hingehst, das Brot schmeckt gleich.

Früher fuhren wir als Familie in einen nahegelegenen Ort, um Brezeln zu kaufen, die nur dieser örtliche Bäcker herstellte. Es gab weit und breit keine besseren Brezeln. So wie es mit den Brezeln war, so war es mit den lokalen Spezialitäten in den verschiedenen ländlichen Regionen. Fast jeder Ort oder jede Stadt hatte etwas, für das sie bekannt waren. Nicht nur in Südtirol gab es Bergspeck, auch in Deutschland gab es unzählige Gegenden die ihre eigenen Würste, Fleisch, Bier, Gebäck und viele andere Spezialitäten ihr eigen nannten. Diese Vielfalt stirbt im Zuge der Globalisierung immer mehr aus. Alles wird einheitlich und damit auch eintönig.

Wir werden heute scheinbar nur noch durch Firmen ernährt, denen es egal ist, was wir essen, Hauptsache es lässt sich gut und schnell verkaufen. Die vielen Lebensmittelskandale zeigen es immer wieder. Wie viel Gift und Gentechnik sich in unserem Essen befindet, ist diesen Konzernen egal, sie wollen nur möglichst viel Gewinn mit möglichst wenig Aufwand generieren. Wir sind dabei die Versuchspersonen.

Während der herkömmliche Bauer früher noch ein Mitgefühl für seine Tiere hatte, wird in der Massentierhaltung das Tier nur noch als Ressource gesehen. Die Tiere werden nur noch als Fleischlieferanten gehalten, nicht als beseelte Wesen, die Schmerz und Trauer fühlen können. Ich glaube, dass die Tierquäler der heutigen Massentierhaltung selber nicht mehr in der Lage sind Schmerz und Trauer zu fühlen, darum trauen sie diese Eigenschaft auch nicht den Tieren zu, die ihnen gehören. In den Ställen der Bauern von früher, die ich kannte, hatten einzelne Kühe noch Namen, Kälber wurden mit Flasche großgezogen, Kühe durften auf Wiesen grasen und übernachten. Auch wenn es im Stall nach Kot stankt – in einem Stall stinkt es eben – so hatte man eine Form von Mitgefühl für die Tiere. Vielleicht hatten die Tiere im Stall auch kein all zu schönes Leben, aber bei der modernen Massentierhaltung ist es sicherlich nicht besser. Sie können in der Regel schon etwas von den engen LKWs ahnen, die sie eng nebeneinander gestapelt, mit gebrochenen Beinen und Rippen, in den nächsten Schlachthof bringen sollten, wo sie im Minutentakt getötet werden sollten.

Der Leser verstehe mich bitte nicht falsch: Um Fleisch zu haben, muss man töten.

Aber wenigstens sollten diese Tiere in würdiger Art und Weise gelebt haben und erst dann ohne allzu großes Leid und Qual getötet werden. Die früheren Bauern waren in dieser Beziehung auch keine Heiligen, aber sie waren noch wesentlich besser als die heutigen „Fleischproduzenten“ der gigantischen Fleischindustrie.

Mensch und Tier scheinen dieser egal zu sein.

Wenn ich an meine Kindheit zurückdenke, dann denke ich an ein Leben in dem ich zwischen meinen Großeltern und meinen Eltern hin und her gependelt bin. Meine Eltern waren tagsüber bei der Arbeit, so kam es, dass ich auch einen großen Teil meiner Kindheit bei meinem Großeltern aufwuchs. Und ich bin Gott dankbar, dass es so war. Ich war zwar auch im Kindergarten, bis ich in die Schule kam, aber ich verbrachte viel Zeit bei meiner Oma und meinem Opa. Von ihnen habe ich Dinge lernen können, die man nur durch harte Zeiten lernen kann. Meine Großeltern legten großen Wert auf gemeinsames Essen an einem Tisch. Wo gibt es heute so etwas noch? Die Mahlzeiten, die meine Großmutter kochte, nahm viel Zeit und Geschick in Anspruch, doch sie kochte bald jeden Tag sehr ausführlich. Wie mir später klar wurde, hatten meine Großeltern im Krieg viel Hunger und Durst erfahren. Das wollten sie uns Kindern ersparen, darum forderten sie uns auch oft auf, den eigenen Teller leer zu essen, was bei mir manchmal für Probleme sorgte, da ich kein guter Esser war. Im Nachhinein bin ich meinen Großeltern jedoch nicht böse, denn sie meinten es nur gut mit uns. Doch wir – damit meine ich noch unsere und die nächsten Generationen -, werden aller Wahrscheinlichkeit noch den Hunger kennenlernen. Auch die brutale Gewalt eines Krieges. Vielleicht werden wir dann wieder ganz neu lernen müssen, unsere Nahrung selber anzubauen und großzuziehen. Vielleicht müssen wir wieder lernen, wie man kocht, wie man Tiere ausnimmt und Brot backt.

Doch scheinbar sind wir heute noch dazu unfähig, ohne Supermarkt, Fast-Food und Fertiggerichte zu leben. Wer will uns etwas anderes beibringen? Die Alten, die noch sparsam und umsichtig kochen konnten, sind im Altersheim oder sie sterben aus. Wer wird uns auf Notzeiten vorbereiten, die meine Großeltern noch kannten? Wer will uns überhaupt noch zeigen, wie man Nahrung in der Natur findet, Kräuter, Pflanzen, Früchte und wildes Gemüse? Sind wir nicht alle schon auf Google angewiesen, das uns jede Pflanze erklären muss? Was ist, wenn es dann kein Google mehr gibt? Unser Wissen ging verloren mit unserer zunehmenden Bequemlichkeit. Wir sind dumm und faul geworden! Das Supermarktwesen hat uns überfahren, schneller als wir ahnen konnten. Zu welchem Preis? Zum Preis unserer Selbstständigkeit! Wir haben einen wesentlichen Bestandteil unseres Lebens in fremde Hände gegeben. Wir wissen nicht, wie uns diese Hände gesinnt sind. Wir wissen nicht, wohin diese Industrialisierung schließlich führen wird. Ganz sicher gibt es im Hintergrund Pläne und Ziele. Doch diese werden wir wahrscheinlich nie vollständig erfahren, doch einige Dinge dringen nach außen, und sie klingen ganz und gar nicht gut. Wir müssen immer davon ausgehen, dass diese Konzerne nichts gutes mit uns vorhaben, sondern eher etwas, das ihrem Machterhalt und ihrem Profit dient. Vielleicht geht es auch um eine geplante Reduzierung der Menschheit. Das wird möglicherweise auf unsere eigenen Kosten gehen. Es ist schon erstaunlich, dass bis heute noch Nahrung in einem gewissen, gesunden Maß produziert wurde, doch das muss aber nicht immer so bleiben. Wenn die großen Konzerne plötzlich aufhören zu produzieren, was bleibt uns dann noch?

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