Meine freie Interpretation von Psalm 88

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Zur Zeit geht es mir gar nicht gut. Ich hadere mit meinem Leben und gestern haderte ich mit Jesus Christus. Ja, auch das gibt’s. Ich habe Probleme ohne Ende. Kann nicht in eine Gemeinde gehen, weil ich Angst vor Menschenmengen habe. Habe keinen Job mehr, kein Auto, kein Geld, keine Frau. Zudem leide ich unter meiner mangelnden Heiligkeit, die keinen Pfifferling wert ist. Elender Zustand, zum Heulen. Dazu noch Bedrängnisse von manchen Leuten, die gerne sehen würden, dass ich einer Arbeit nachgehe. Stress in der Familie. Eigentlich sieht es so aus, als wäre alles kaputt und nicht mehr zu reparieren. Soll ich jetzt auch noch den Glauben aufgeben? Es sieht so aus, als wäre Gott weit weg. Ich habe keine tollen Erfahrungen, keine Stimme kommt vom Himmel. Einsam und verlassen sitze ich hier in diesem Ort in meiner Wohnung und finde keinen Anschluss an die Dorfbewohner. In die Gemeinde kann ich nicht gehen, weil ich unter Menschen sofort wieder psychotische Schübe voller Angst und Beklemmung bekomme. Die Krankheit ging nie richtig weg. Auch die Furcht vor Gott ist manchmal groß. Die psychische Krankheit habe ich seit 19 Jahren, die mir wie 800 Jahre vorkommen. Alles Scheiße! Am Ende?

Wenn ich jetzt noch meinen Glauben wegwerfen würde, was hätte ich dann noch für eine Hoffnung? Wenn ich mich von Dem abschneide, der das Leben ist, auch wenn ich mich selbst schon unter die Toten rechne – was hätte ich dabei gewonnen? Wenn ich Jesus Christus die Freundschaft kündige, wer bleibt mir dann noch?

Es gibt schlicht und einfach keine bessere Alternative.

Ich habe mir den Buddhismus angesehen – keine Hoffnung. Die Muslime rechnen mit einem unberechenbaren Tyrannen. Die Katholiken vertrauen auf tote Sakramente. Die evangelische Kirche wirft die Perlen vor die Säue. Yoga und Alkohol verbessern auch keine Situation. Ein Gang in den Swingerclub lässt mich hinterher leerer zurück als ich hingegangen bin. Porno ist ein ewiger Kreislauf. Freundschaften können in die Brüche gehen. Eltern können sterben. Eine Frau kann sich scheiden lassen. Geld macht mich nicht gesund. Und eine gute Mahlzeit kann nicht immer schmecken, mag sie auch noch so mühevoll gekocht sein. Und auf mich selbst ist sowieso am allerwenigsten Verlass. Ich bin unberechenbar, unstet und unausgeglichen. Ich selbst habe mich mehr enttäuscht als meine Mitmenschen es jemals gekonnt hätten. Ich selbst bin mein größter Hasser und Feind. Was bleibt mir also noch?

Mir bleibt nur noch Hoffnung auf Hoffnung hin. Ich kenne die Welt. Die Welt hat mir nichts zu bieten, was wirklich tief und echt befriedigen könnte. Die Welt ist voller Sünder, wie ich einer bin. Auf nichts ist Verlass. Nur darauf, eine Enttäuschung nach der anderen zu erleben. Nicht mal auf die gläubigen Brüder und Schwestern ist echter Verlass möglich. Wenn´s bei mir nicht stimmt, warum sollte es dann bei ihnen immer stimmen? Sie sind auch nur Menschen.

Ich fühle mich wie ein Zombie. Ich stehe am Morgen auf, koche Kaffee, rauche eine Zigarette und checke das Internet. Seit ich in Rente bin, mache ich es jeden Tag so. Früher war es zwar anders, aber auch jeden Tag das Gleiche – nur eben mit Arbeit. Irgendwann koche ich etwas, dann sammelt sich Geschirr an, das man waschen muss. Es sind immer die gleichen Kreisläufe, die sich wieder und wieder wiederholen, bis zum Erbrechen. Es folgen immer wieder Phasen, in denen ich ein christliches Buch lese, eine Predigt höre oder mal durch die Bibel blättere. Dabei bin ich Tag für Tag allein. Ohne Frau und Kind. Ein fast vierzigjähriger Singlemann, der noch nie richtig mit seiner Jugend abgeschlossen hat und sich nicht wie fast 40 fühlt. Ab und zu bete ich, schicke ein Stoßgebet gen Himmel oder lasse Jesus Christus an meinem Gedanken teilhaben. Ich habe dabei noch nie eine laute Antwort bekommen, nie eine Kraftwirkung gespürt oder eine Vision gehabt. (Gott sei Dank dafür, denn das wären die Anzeichen für einen Schwarmgeist.) Ich fühle mich kein bisschen heiliger als kurz nach meiner Bekehrung. Ich bin immer noch zu jeder Schandtat fähig, immer noch lieblos, egoistisch und eingeschränkt.

Ja, ich habe mal von einem Leben im Sieg gehört. Von einem Leben als Christ, das ein einziges Abenteuer sein soll. Aber seien wir einmal ehrlich: Welcher Christ hat das schon? Wer hat immer Sieg, nie Anfechtungen, Sünden und Probleme. Die Leute, die angeblich von Erfolg zu Erfolg marschieren, sind doch auch in diesen Kreisläufen gefangen. Wer hat schon das Leben, dass er sich wünscht? Was ist nur aus den Träumen meiner Kindheit geworden? Was ist aus den Träumen geworden und den Wünschen, mit denen ich zu Jesus Christus gekommen bin. Sie sind alle zerplatzt wie eine Seifenblase an den rauen Klippen der Realität. Was bleibt mir noch außer Klage?

Das war meine freie Interpretation von Psalm 88.

Psalm 88 ist der düsterste Psalm der Bibel. Ein Psalm der tiefsten Depression, der Unruhe und der Angst. Gerade darum ist er einer der tröstlichen Psalmen, auch wenn der Psalmist in seiner gefühlten Dunkelheit bleibt, da der Psalm kein Happy-End hat. Er rechnet trotz allem immer noch mit dem „Gott seines Heils“. Auch wenn die Lage total aussichtslos und sinnlos erscheint. Gott ist immer noch Gott, Jesus Christus ändert sich nicht! Jesus steht immer noch für Hoffnung! Gäbe der Psalmist seinen Glauben auf, dann hätte er alles verloren. Darum bleibt ihm nur noch die Klage, die er mit ergreifenden Worten beschreibt. Wenn wir nichts mehr haben und können, dann können wir immer noch Gott unser Leid klagen. Hier Psalm 88:

1 Ein Psalmlied. Von den Söhnen Korahs. Dem Vorsänger. Nach Machalat-Leannot1. Ein Maskil Hemans, des Esrachiters. 2 O Herr, du Gott meines Heils2, ich schreie Tag und Nacht vor dir! 3 Laß mein Gebet vor dich kommen, neige dein Ohr zu meinem Flehen! 4 Denn meine Seele ist gesättigt vom Leiden, und mein Leben ist dem Totenreich nahe. 5 Ich werde schon zu denen gerechnet, die in die Grube hinabfahren; ich bin wie ein Mann, der keine Kraft mehr hat. 6 Ich liege unter den Toten, bin den Erschlagenen gleich, die im Grab ruhen, an die du nicht mehr gedenkst und die von deiner Hand abgeschnitten sind. 7 Du hast mich in die unterste Grube gelegt, in die Finsternis, in die Tiefen. 8 Auf mir lastet dein Grimm, und du bedrängst mich mit allen deinen Wogen. (Sela.) 9 Du hast meine Bekannten von mir entfremdet, du hast mich ihnen zum Abscheu3 gemacht; ich bin eingeschlossen und kann nicht heraus. 10 Mein Auge ist verschmachtet vor Elend; ich rufe dich, Herr, täglich an, strecke meine Hände aus nach dir. 11 Wirst du an den Toten Wunder tun, oder werden die Schatten auferstehen und dich preisen? (Sela.) 12 Wird man im Grab deine Gnade verkündigen, deine Wahrheit im Abgrund4? 13 Werden deine Wunder in der Finsternis bekannt, deine Gerechtigkeit im Land der Vergessenheit? 14 Ich aber schreie zu dir, Herr, und am Morgen kommt dir mein Gebet entgegen. 15 Warum, o Herr, verwirfst du meine Seele, verbirgst dein Angesicht vor mir? 16 Von Jugend auf bin ich elend und dem Tod nahe, ich trage deine Schrecken und weiß mir keinen Rat. 17 Deine Zorngerichte ergehen über mich, deine Schrecknisse vernichten mich. 18 Sie umgeben mich wie Wasser den ganzen Tag, sie umringen mich allesamt. 19 Freunde und Gefährten hast du von mir weggetan, meine Vertrauten [in die] Finsternis.5

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