Vom Tod überrascht

DSCN0606 (Medium)Man soll niemals schlecht über einen Toten reden, das ist eine Angewohnheit in unserem Kulturkreis. Würde man auf manchen Beerdigungen die Wahrheit sagen, dann gäbe es helle Aufregung, Streit und üble Nachrede. Denn bei uns ist es Brauch, am Grab eines Verstorbenen das Gute hervorzuheben und das Negative, das er zu Lebzeiten getan hat, zu verschweigen. Manche werden am Grab zu Heiligen erklärt, obwohl ihr Lebensstil das genaue Gegenteil erzählte. Die Pfarrer der großen Kirchen lügen dabei, was das Zeug hält. Irgendwie war ja doch nicht jeder ganz schlecht, hatte auch seine gute Seiten und hat in seinem Leben viel und hart gearbeitet. Er/Sie hatte Familie und Angehörige, hatte Eltern, Geschwister, Ehepartner und Kinder. All diese Menschen wurden auch durch ihn/sie mit geprägt. Diese wollen dann auch am Grab meist nichts Schlechtes über diese Person hören, weil die Trauer meist groß ist. Doch manchmal sollte man gerade am Grab die Wahrheit sagen, um die Trauernden wachzurütteln. Gerade am offenen Grab ist der Mensch empfänglich für die Botschaft, die er so dringend braucht. Gerade jetzt sollte das Evangelium verkündigt werden, damit die noch Lebenden begreifen, dass auch sie einmal sterben werden, vor Gottes Thron erscheinen müssen und Gott Rechenschaft für ihre Taten und ihr Leben geben müssen.
Im Angesicht des Todes eines Verwandten, Freundes könnten viele erkennen, dass das Leben jederzeit vorbei sein kann und danach das gerechte Gericht Gottes kommt. Es steht geschrieben:

Hebr 9,27 Und so gewiß es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, 28 so wird der Christus, nachdem er sich einmal zum Opfer dargebracht hat, um die Sünden vieler auf sich zu nehmen, zum zweitenmal denen erscheinen, die auf ihn warten, nicht wegen der Sünde, sondern zum Heil.

Viele Menschen leben so, als müssten sie niemals sterben. In unserer Kultur wird der Tod vehement ausgeblendet. Ja, die Bösewichter in den Filmen und Serien sterben. Krebskranke sterben. Alte sterben. Aber man selber lebt so, als würde man vom Tod verschont werden. Andere sterben, aber man meint selber, das Leben würde endlos so weitergehen.

Ich will hier von einem guten Freund von mir erzählen, den der Tod vollkommen überraschte, der ihn ohne Gnade mitriss. Ich lernte A. eigentlich erst in der Kneipe kennen, obwohl wir im gleichen Betrieb arbeiteten. Der Betrieb ist recht groß, so dass man die meisten Kollegen nur vom Sehen her kennt. Als ich A. kennenlernte, arbeitete er schon länger als ich dort. Die Kneipe lag neben dem Betrieb und einige Arbeiter gingen mittags dort hin, um etwas zu trinken, bis das Alkoholverbot des Betriebs ausgeweitet wurde, so dass niemand mehr alkoholisiert arbeiten durfte. Aber am Feierabend war das kein Problem. So saß ich oft nach der Arbeit in der Kneipe und unterhielt mich am Biertisch mit den Kollegen. Es wurde natürlich viel über die Arbeitsbedingungen geschimpft. Diese waren mit der Zeit immer schlechter und ungerechter geworden. Auch über Vorgesetzte und Kollegen wurde hergezogen, aber ich denke, dass das in jeder Kneipe der Fall ist, die von Arbeitern besucht wird. Mit der Zeit freundete ich mich mit A. an. Er war ein intelligenter, grauhaariger Mann. Er hatte Sinn für Humor und konnte menschliche Schwächen in seiner unnachahmlichen genialen Weise auf lustige Art entlarven. Er konnte schon mal einen lauten Schrei loslassen, um uns aufzuwecken oder den Kneipenbesitzer lauthals zum Nachschenken animieren. Er hatte immer einen lockeren Spruch parat und mochte es, andere mit seinen Aussagen vor den Kopf zu stoßen. Er hatte auch ein ungewöhnlich großes Fassungsvermögen an Bier. Er trank mehr als das Doppelte von mir an einem Abend. Meist war sein Bierdeckel voll von Kreuzen und die Rechnung nicht immer klein. Dabei verlor er jedoch nie richtig die Beherrschung. Er wurde weder aggressiv, noch verlor er die Kontrolle, obwohl diese Menge natürlich auch nicht ohne Nachwirkungen an ihm vorüber ging. So saßen wir oft bis spät in die Nacht beim Bier und philosophierten über Gott und die Welt. Ja, wir sprachen auch über Gott. Zu dieser Zeit war ich schon gläubig und sprach meine Kollegen immer wieder auf Gott an. Das brachte mir den Spitznamen Jesus ein. Manchmal redete ich auch zu viel über den Glauben, dass manche Kollegen ärgerlich wurden. Aber mit der Zeit wurde auch das besser. A. bekam von mir viele Gedankenanstöße über den Glauben an Gott. Manchmal auch wenn ich etwas angetrunken besser aus mir herausgehen konnte. (Ob das sinnvoll war, lassen wir einmal dahingestellt.) Aber A. wusste, dass ich es mit Jesus ernst meinte. Gleichzeitig konnte ich auch von ihm Vieles lernen. Er war nicht dumm und hatte auch seine eigene Weisheit, die er weitergab. Unsere Gegend ist katholisch geprägt. Bayern, dort wo wir leben, wurde von der Reformation weitgehend nicht berührt, und in den meisten Gemeinden gehört der Katholizismus zum Leben dazu. A. war auch katholisch. Aber so katholisch wie die meisten. Er ging zwar ab und zu in die Kirche, meist zu Beerdigungen. Er kannte die Bräuche und Feste. Er war getauft worden, zahlte Kirchensteuer und spendete das Kirchgeld. Aber mehr war da nicht. Er hatte keine Beziehung zu Gott oder Jesus.
Als er jünger war, war er viel in der Welt herumgekommen und hatte dort sein Leben genossen. Da er keine Freundin oder Frau hatte, ließ er im Urlaub die Sau heraus. In Thailand oder auch Brasilien.
Ich vermute, dass seine Ehelosigkeit darauf zurückzuführen war, dass er als Kind und Jugendlicher immer ein wenig Außenseiter war. Seine Familie war zudem auch eine Flüchtlingsfamilie, und diese werden immer ein wenig als Außenseiter in den Dörfern gehandelt. Als Kind wurden er und seine Geschwister von einer sehr dominanten Mutter viel zu viel geschlagen. Sie war eine sehr harte, gewalttätige Frau, die lieber zuerst zuschlug und danach etwas fragte. Vielleicht hat es deshalb nie mit einer Frau bei ihm geklappt, weil seine Mutter, von der ein Junge in Bezug auf andere Frauen stark geprägt wird, so streng war. Ein negatives Frauenbild erleichtert es nicht gerade, eine Frau zu finden.
In seiner Jugend schlug er dann selber zu. Allerdings nicht seine Mutter, sondern andere Jugendliche. Er neigt sehr dazu, andere zu schlagen, die ihn ärgerten, oder die er absichtlich provozierte. Er hatte einen Ruf als Raufbold.
Als ich ihn kennenlernte, waren nur noch die Geschichten darüber vorhanden. Er war älter, hatte seine Jugend schon lange abgeschlossen und schlug niemanden mehr. Auch im Betrieb machte er einfach seine Arbeit und schluckte mehr als früher. Nur am Biertisch konnte sein Temperament manchmal durchbrechen, wenn er lauter wurde. Aber auch das war harmlos.
Ich mochte ihn gern und auch viele Kollegen mochten ihn, wenngleich nicht alle.
Wie beschrieben bekam er von mir viele Hinweise auf Gott – er nannte mich auch oft Jesus – hörte in kleinen Portionen immer wieder das Evangelium von mir. Doch nie bemerkte ich einen Erfolg. Meistens kam auf einen Satz von mir ein „ja aber“. Manchmal ging er auch stillschweigend über meine Aussage hinweg und wechselte das Thema. Für ihn zählte die Mitgliedschaft in der Kirche und er meinte: „Wenn ich das Kirchgeld zahle, dann werden die da oben schon ein gutes Wort für mich einlegen“. Er meinte, er hätte das Ticket für den Himmel schon in der Tasche.
Daraufhin gab ich ihm ein evangelistisches Büchlein, das die falsche katholische Sichtweise der richtigen, biblischen entgegenstellt. Die katholische Kirche predigt ja ein anderes Evangelium, als in der Bibel beschrieben wird. Das Buch erklärte anhand der Bibel den richtigen Glauben, wie man zu Jesus Christus kommen kann und dadurch gerettet wird. Er las diese Buch auch ganz durch. Als er es mir wiedergab, sagte er einen erstaunlichen Satz zu mir: „Jetzt weiß ich, wieso du in den Himmel kommst.“ Verdutzt fragte ich, was er denn damit meine. Er zeigte mir den Bibelvers, der in dem Buch aufgeführt wurde. Er lautete:

Joh 12,25 Wer sein Leben liebt, der wird es verlieren; wer aber sein Leben in dieser Welt haßt, wird es zum ewigen Leben bewahren.

Jetzt verstand ich, was er meinte. Weil ich immer so unglücklich war, und er meinte, ich würde mein Leben nicht lieben, darum würde ich in den Himmel kommen. Ich dachte: Jetzt hat es Klick gemacht! Hatte er vielleicht die Botschaft verstanden? Aber er hatte die Botschaft nur auf mich angewendet, nicht auf sich selber. Er fand dadurch nicht nicht zum Glauben.

Zu dieser Zeit nahm er mich einmal bei der Arbeit beiseite. Er hatte eine Frage an mich. Er gab mir zu verstehen, dass er genug gespart hätte, um bis zur Rente nicht mehr arbeiten zu müssen. Ich solle für ihn im Internet nachschauen, wie das rechtlich geregelt sei, und wie man weiterhin die Krankenkassengebühr verrechnen und weiterhin in die Rentenkasse einzahlen könne, um versichert zu bleiben. Der Glückliche, dachte ich mir, könnte jetzt mit dem Arbeiten aufhören und es würde bis zur Rente reichen. Irgendwie war ich neidisch. Ich suchte also im Internet, aber ich fand keine richtige Antwort darauf. Ich meinte nur, er solle sich selbst doch einmal bei der Krankenkasse und Rentenkasse informieren. Daraufhin verlief das ganze Vorhaben irgendwie im Sand. Wir sprachen nie mehr darüber.

Einige Zeit darauf kündigte ich. Ich traf ihn noch ab und an in den Kneipen, aber nicht mehr bei der Arbeit.

Im Sommer 2013 ging ich zum Einkaufen. Dort trafen wir uns zufällig. Ich meinte, dass er vielleicht Urlaub hätte und fragte ihn, wie es ihm ginge. Er sagte darauf, dass er kürzlich beim Arzt gewesen wäre und dieser nach einer Untersuchung festgestellt hätte, dass er Krebs im Endstadium hätte. Ich war perplex. Ihm hatte doch nie etwas gefehlt! Zuerst dachte ich an einen schlechten Scherz. Aber es war kein Scherz. Es stimmte. Diese Nachricht zerstörte etwas in ihm. Er verlor jede Hoffnung und war danach nie mehr derjenige, den ich kannte. Seine Persönlichkeit zerfiel und er baute massiv ab. Einmal besuchte ich ihn noch und brachte ihm noch Bücher über den Glauben. Ich dachte: Vielleicht wendet er sich jetzt noch Jesus zu, wenn er im Angesicht des Todes steht. Denn nur Jesus bietet ewiges Leben an, das auch über den Tod hinausgeht. Doch soviel ich weiß, machte er nie Frieden mit Gott. Er starb innerhalb von vier Monaten, nachdem er die schlimme Nachricht erhalten hatte. Die Meisten, die ihn kannten, konnten es nicht fassen. Sie wussten sich keine Antwort auf die Frage seines frühzeitigen Todes zu geben.

Oft kündigt sich der Tod nicht an, sondern überfällt seine Opfer plötzlich. Ob mein Freund A. jetzt im Himmel ist – also durch die Vergebung seiner Schuld durch Jesus Christus ewiges Leben bekommen hat – das glaube ich nicht. Er starb so, wie er gelebt hatte: Ohne Gott! Als der Tod plötzlich über ihn kam, zerbrach sein ganzes Leben auf einen Schlag. Er hatte sich zwar einiges Geld auf die Seite gelegt, um seinen Lebensabend genießen zu können, aber Gott hatte andere Pläne. A. hatte keinen lockeren Spruch mehr auf den Lippen, um dem Tod zu trotzen. Da er Gott sein ganzes Leben über ignoriert hatte, hatte er keine Hoffnung und keinen Glauben darauf, in der Gemeinschaft Gottes das ewige Leben genießen zu können.

Mein Freund war kein besonders böser Mensch. Nicht böser als wir alle. Er hatte seine guten Seiten. Er hatte auch dunkle Seiten. Wie jeder von uns. Ich mochte ihn sehr gern und vermisse ihn. Wir kommen aber auch nicht in den Himmel, weil wir gute Menschen sind. Wir kommen in den Himmel, wenn wir erkennen, dass wir böse Menschen sind, Sünder, die den Himmel nicht verdient haben, sondern nur die Hölle. Wenn wir uns Jesus Christus zuwenden und an ihn glauben, dann bekommen wir Seine Gerechtigkeit zugerechnet, weil er für uns am Kreuz starb. Der Glaube an Ihn hilft uns, auch im Angesicht des Todes voller Hoffnung zu sein, egal wie schlimm die Umstände sein mögen. Das hätte ich meinem Freund gewünscht. Auch wenn ich notorisch unglücklich scheine, so habe ich doch eine Hoffnung, die über den Tod hinausgeht. Wir müssen uns unbedingt mit dem Tod befassen, bevor er zu uns kommt. Wir müssen wissen, ob wir die Ewigkeit in der Hölle oder im Himmel verbringen werden. Denn es gibt ein Zu-Spät. Welche eine Tragik!

Ps 90,12 Lehre uns unsere Tage richtig zählen, damit wir ein weises Herz erlangen!

Share Button

Related Post

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.