Wenn man nicht mehr beten kann

DSCN0606 (Medium)Es gibt Phasen im Christenleben, da ist man so am Boden, dass man fast nicht mehr beten kann, so sehr man sich auch anstrengt. Vor allem in Zeiten der Depression scheint es, als wäre der Himmel verschlossen, als reichten die Gebete nur bis zur Zimmerdecke, und man hat Mühe überhaupt zu beten. Innerlich ist man blockiert. Man möchte vielleicht beten, aber man findet nicht die richtigen Worte. Worte, um das Unaussprechliche auszusprechen. Die Gedanken kreisen, aber man kann sie nicht buchstabieren oder ausdrücken. In solchen Zeiten ist es wichtig, sich darauf zu besinnen, dass der Heilige Geist uns vor Gott vertritt. Der Heilige Geist weiß, was unser Anliegen ist, wenn wir auch selber nicht wissen, was wir eigentlich wollen.

In seinem Buch „Besiegte Schwermut“ geht Richard Kriese, der als Seelsorger beim ERF tätig war, darauf ein. Ich zitiere aus dem Buch:

Zu den Fragen, von denen Schwermütige bedrängt werden, gehört auch diese: „Warum kann ich nicht mehr richtig beten?“ In Briefen seelisch Leidender war zu lesen:

„Ich weiß, dass mir kein Mensch helfen kann. Und darum versuche ich zu beten. Aber das fällt mir manchmal schwer, obwohl ich die Hilfe des Herrn in meinem Leben schon erfahren durfte.“

„Alle meine Gebete gehen nur bis zur Decke. Ich habe Angst, verloren zu gehen. Ich fürchte mich vor Gott. Das Wort Gottes lässt mich so gleichgültig, kalt und leer. Jesus sehe ich nur als strengen Richter.“

„Ich rief zu Gott um Gnade. Doch der Himmel war ehern. Meine Angst wurde unerträglich. Wahrscheinlich habe ich die Gnade verscherzt. Ich kann nicht beten, habe keine Verbindung zum Herrn Jesus.“

„Oft zweifle ich, ob Jesus da ist – ob es ihn wirklich gibt. Ein unheimliches Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit beherrscht mich. Ich habe den Eindruck, dass Gott meine Gebete nicht mehr hört.“

Das alles sagen zuweilen auch Gesunde. Wer von uns kennt nicht Stunden oder Tage, in denen „das Gebet nur bis zur Decke geht“? Manchmal müssen wir uns dann vom Wort Gottes sagen lassen: „1 Siehe, die Hand des Herrn ist nicht zu kurz zum Retten und sein Ohr nicht zu schwer zum Hören; 2 sondern eure Missetaten trennen euch von eurem Gott, und eure Sünden verbergen sein Angesicht vor euch, daß er nicht hört!“ (Jes 59,1-2).

Wenn das für uns zutrifft, dann müssen wir Buße tun, indem wir unsere Sünden erkennen, bekennen, hassen und lassen. Aber es gibt auch Situationen, auf die dieses Bibelwort nicht angewandt werden kann. Man weiß genau: „Zwischen mir und meinem Herrn steht keine ‚Scheidewand‘ bewusster Sünden.“ Und doch ist das Gebet müde, schleppend, unkonzentriert. Ein ganzes Faktorenbündel kann dazu beitragen: Überarbeitung, Wetterfühligkeit, körperliche Beschwerden, Sorgen, Anfechtungen verschiedenster Art und vieles andere mehr. Das Denken ist gelähmt, das Gefühl ermattet, der Wille geschwächt; kurz: Das psychische Gleichgewicht ist gestört.

Beim Schwermütigen ist das seelische Gleichgewicht nicht nur für ein paar Stunden oder Tage gestört, sondern manchmal wochenlang, mitunter monatelang. Was sich beim Gesunden als psychische Verstimmung zeigt, ist beim Depressiven nahezu Dauerzustand. Er kann seine Gedanken kaum konzentrieren, der Denkvorgang ist verlangsamt, seine Gebete – wenn er Worte überhaupt noch formulieren kann – erscheinen ihm gedankenlos und mechanisch. Freuen kann er sich längst nicht mehr. Das Gemüt wird von Lustlosigkeit bestimmt, der Wille ist gelähmt und antriebsschwach. Jede Entscheidung fällt schwer. Der Schwermütige schafft es einfach nicht, sein Wollen in die Tat umzusetzen. Dr. A. Lechler schreibt dazu in dem Heft „Verstehen wir die Schwermütigen?“:

„Die Hemmung des Denkens, Fühlens und Wollens sind rein krankhafte Erscheinungen, hervorgerufen durch eine besondere, vermutlich durch einen Mangel bestimmter Spurenelemente im Blut bedingte Veranlagung. Mit einer schuldhaften Denkfaulheit, einer Gleichmütigkeit und Verstocktheit oder einer Willensschwäche haben die Hemmungen nichts zu tun.“

Das alles sollten wir wissen, damit wir dem Schwermütigen richtig antworten, wenn er uns fragt: „Warum gehen meine Gebete nur bis zur Decke?“

Mit Römer 8,19-30 können wir diese Situation richtig einordnen. Paulus stellt fest: Auch Gotteskinder – obschon sie die „Erstlingsgabe des Geistes“ haben – seufzen und sehnen sich nach der endgültigen Befreiung und Umgestaltung ihres Leibes. In Römer 8,26-27 steht:

„26 Ebenso kommt aber auch der Geist unseren Schwachheiten zu Hilfe. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich’s gebührt; aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. 27 Der aber die Herzen erforscht, weiß, was das Trachten des Geistes ist; denn er tritt so für die Heiligen ein, wie es Gott entspricht.“

In der Übertragung von Hans Bruns ist zu lesen:

„Dabei steht uns der Geist Gottes bei und nimmt sich unserer Schwachheit an, denn wie und was wir beten sollen, wissen wir selbst nicht; aber der Geist Gottes tritt für uns ein mit seufzendem Flehen, das sich nicht in Worte fassen lässt. Der aber, der die Herzen bis in die tiefsten Falten kennt, weiß, was des Geistes innerstes Verlangen ist, er tritt für uns Heilige so ein, wie es Gott gefällt.“

Dazu einige Worterklärungen. Statt „hilft“ kann man auch übersetzen: mit Hand anlegen, gleichfalls zu Hilfe kommen, mit jemandem eine Last auf sich nehmen, also: eine Last mit einem andern zu teilen in der Absicht, ihn zu erleichtern. Das griechische Wort, das an dieser Stelle steht, lässt die Umschreibung zu: „Der Geist Gottes ist an der Schwachheit des Glaubenden beteiligt.“

Mit „Schwachheit“ ist Kraftlosigkeit, geringe Bedeutung, Krankheit, Dürftigkeit gemeint. Der Satz: „Der Geist selbst vertritt uns“ kann so umschrieben werden: „Der Geist tritt für uns ein, indem er Fürsprache einlegt.“ Paulus bildet an dieser Stelle einen neuen Begriff, um das zu verdeutlichen. Der Wortstamm des griechischen Wortes hyperentygchano bedeutet: mit jemanden zusammentreffen, ihm begegnen, an einem vereinbarten Ort zugunsten eines anderen ein Wort einlegen. Alles das tut der Heilige Geist, indem er uns vor Gott vertritt. Er verbindet sich mit unserem Seufzen. Die Sprache des Neuen Testaments verwendet übrigens für seufzen ein Wort, das an Belastung und Einengung erinnert, zugleich aber auch an Erfüllung. Gottes Geist „erforscht“ aber auch und „weiß“. „Erforschen“ könnte auch mit nachspüren, untersuchen wiedergegeben werden, „weiß“ mit Einsicht, Denken, Klugheit, Plan, Streben und Gesinnung. Anders gesagt: Der Heilige Geist „weiß, erwägt, versteht, fühlt, ist auf etwas bedacht, bedenkt, überlegt und ist dabei klug und weise“. Die Aneinanderreihung dieser Worte ergibt sich aus der Bedeutungsbreite der beiden Begriffe „erforschen“ und „wissen“.

Wir können also einem Schwermütigen, der so gerne wieder richtig beten möchte, es aber nicht schafft, Römer 8,26-27 so erklären: „Der Heilige Geist lässt dich nicht im Stich. Weil du schwach bist und nicht weißt, wie du dein Gebet formulieren sollst, wird dich der Heilige Geist bei Gott vertreten. Er kennt auch die letzten Bewusstseinsschichten deines Herzens, weiß um dein ehrliches Wollen, umgreift sowohl den kleinsten Gedankensplitter als auch die leiseste Gemütsregung. Er trägt mit an deiner Last. Alles, was dich bedrückt und quält, hält er Gott hin und macht sich mit dir so eins, dass er mit dir seufzt. Du darfst wissen, er verwandelt deine Seufzer in ein Gebet, das Gott gefällt; auch dann, wenn du nichts davon merkst.“

Können wir das aus eigener Erfahrung bezeugen? Corrie ten Boom erzählt in ihrer Lebensgeschichte, dass sie mehrere Monate lang bedrückt gewesen sei. Sie konnte nicht mehr beten. Am Bibellesen und am Gottesdienst hatte sie keine Freude. Ihre Gebete waren in dieser Zeit sehr kurz. Sie konnte meist nur sagen: „Herr, ich kann dich nicht erreichen. Ich kann nicht beten. Aber ich vertraue darauf, dass du mich erreichst. Halte mich unter deiner Fürsorge und hilf mir, dass ich bald wieder beten kann.“ Eines Tages sei ein Mädchen zu ihr gekommen mit der Frage, ob sie ihr helfen könne. Schon seit Wochen sei ihr das Gebet nahezu unmöglich und sie frage sich, ob sie noch ein Gotteskind sei. Beide überlegten miteinander, ob sich nicht in der Bibel ein Wort finden lasse, das ihnen beiden helfen könne. Da fiel ihnen Römer 8,26 ein. Und dann, schreibt Corrie ten Boom, sei das Unerwartete geschehen: jede von ihnen betete und es sei eine große Freude in ihre Herzen gekommen. Schließlich konnten sie den Herrn preisen und ihm dafür danken, dass er sie freigemacht hatte.

Schwermütige wollen nicht nur wissen, warum ihre Gebete „nur bis zur Decke“ gehen; sie brauchen nicht nur biblischen Zuspruch. Mehr als ein anderer sind sie darauf angewiesen, dass man sich betend unter ihre Last stellt und darauf vertraut: „Gottes Geist vertritt uns mit unaussprechlichem Seufzen.“

Der Auszug stammt aus dem hervorragen Buch „Besiegte Schwermut“ von Richard Kriese, Francke -Buchhandlung, 1974.

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2 Gedanken zu „Wenn man nicht mehr beten kann“

  1. Sehr geehrte Damen und Herren, ich kann schon lange nicht mehr beten – habe psychische Probleme. Nun habe ich große Angst nach meinem Tod , verloren zu gehen, also in die Hölle komme. Ich denke sehr oft daran. Vielleicht können Sie mir
    helfen.

    Viele Grüße
    Peter Böhm

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