Zur Ehrenrettung Martin Luthers

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Man kann von Dr. Martin Luther halten, was man will, aber er war jemand, der die Welt auf den Kopf gestellt hat. Luther wird heute gerne von manchen Christen kritisiert und verdammt. Sie können nicht verstehen, warum Luther derart heftig gegen seine Feinde vorgehen konnte, die Juden verdammen konnte und auch sonst kein sehr angenehmer Zeitgenosse gewesen sein soll.

Luther war knallhart. Luther sprach derb, aggressiv und warf seinen Gegnern auch einmal die Verdammnis an den Kopf. Er hetzte gegen die Juden, die er anfangs vom Evangelium überzeugen wollte. Er konnte nichts mit dem Jakobusbrief anfangen. Er rief zum Kampf gegen die Türken auf, die er als „teuflisch“ bezeichnete und hatte kein gutes Wort für den Papst übrig. Das sind Eigenschaften, die ihm heute als negativ ausgelegt werden. Nicht wenige Christen distanzieren sich von Luther und halten ihn für einen Menschenverächter und Irrlehrer.

Doch Luther durchschaute den Götzendienst, den Rom betrieb. Er predigte die vier Sola Scripturas und entdeckte die Gnade Gottes, die jahrhundertelang vergessen worden war. Er nahm das katholische Joch vom Rücken der Gläubigen. Zudem prägte er einen gemeinsame deutsche Sprache und leitete ein, dass Wissenschaft und Fortschritt in den nächsten Zeitaltern möglich wurden. Die Reformation war auch ein Lichtblick im finsteren Mittelalter. Sie leitete besser Zeiten ein.

Man sollte nicht die Fehler machen, Luther einerseits zu verklären, denn er hatte seine negativen Eigenschaften; man sollte andererseits Luther nicht verdammen, denn er war ein Kind seiner Zeit. Luther entdeckte zwar die Gnade, aber seine Vorgeschichte war vom finsteren Mittelalter mit Aberglaube, übertriebener Religiosität und menschlicher Härte gegeneinander geprägt. Eine starke Prägung wird man auch dann nicht los, wenn man sich bekehrt hat. Gott baute die Prägung in seinen Plan mit ein, aber er nahm sie nicht weg. Wenn wir Zugang zu Luthers Lehren wollen, dann müssen wir uns immer vor Augen führen, dass Luther in einer harten Zeit lebte. Es waren raue Zeiten.

Viele Christen beachten das nicht, wenn sie seine Lehren und umstrittenen Reden auf unsere Zeit übertragen wollen. Wir leben in ganz anderen Zeiten. Wir sind durch den Wohlstand verweichlicht worden und genießen in unseren Breitengraden ein relativ friedliches Leben. Das ist natürlich auch darauf zurückzuführen, dass sich das Christentum nach Luther weiterentwickelt hat. Wir genießen in unserer nachchristlichen Zeit immer noch die Früchte davon. Doch wenn wir den Blick auf unsere Großeltern und Urgroßeltern werfen, dann sehen wir, dass zur Zeit der zwei Weltkriege auch harte Zeiten herrschten. Meine Großmutter war z. B. nach dem Krieg eine Bauernmagd, die von Anstellung zu Anstellung zog. Damals ging es hart zu. Sie wurde nicht von jedem Bauern gut behandelt. Sie wurde oft beschimpft und schlecht behandelt. Sie musste sich zur Wehr setzen. Man musste damals auch hart für sein Brot arbeiten. Die Felder wurden damals noch von Hand bestellt. Es gab keine Technik, die die Arbeit erleichtert hätte, so wie wir sie heute haben. Es gab nicht viel Lohn. Es ging nicht so sanft zu, wie wir es heute gewohnt sind. Wer nicht parierte, der wurde hart zurechtgewiesen. Das ist jetzt 60, 70 Jahre her, aber es war eine ganz andere Zeit. Die Eltern schlugen bei ihren Kindern noch zu. Es gab Prügel für Ungehorsam. Auch in der Schule wurden die Schüler durch Prügel zurechtgebracht. Und wenn ein Kind etwas in der Schule angestellt hatte und zuhause davon erzählte, gab es vielleicht nochmal Prügel. Heute haben wir das genaue Gegenteil: Wer Hand an seine Kinder legt, wird bestraft, und in der Schule werden die Kinder zu kleinen Paschas erzogen, die alles bekommen, was sie wollen. Züchtigung wurde vollkommen abgeschafft und gesetzlich verboten. (Ob das besser für die Kinder ist, lasse ich hier einmal dahingestellt.)

Was will ich damit sagen: Andere Zeiten, andere Sitten! Wenn mein vor 50 Jahren verstorbener Großvater, der Ehemann meiner Großmutter, der in zwei Weltkriegen gekämpft hat, heute noch einmal kommen könnte und unsere heutige Welt sehen könnte – was würde er sagen? Er würde sicher einiges gut finden, aber auch manches bemängeln. So, wie wir seine Eigenschaften nicht ganz nachvollziehen könnten, so könnte auch er unsere Eigenschaften nicht ganz nachvollziehen. Er würde manche Dinge an uns nicht verstehen, so wie wir manche Dinge an ihm nicht verstehen könnten.

Auch beim Bibelstudium müssen wir immer den zeitlichen Kontext beachten. Heute werden bei uns politische Gegner z. B. nicht gleich umgebracht. Angela Merkel lässt z. B. Bernd Lucke nicht umbringen, nur weil er ein politischer Gegner ist. Aber zur Zeit der Könige Israels fackelte man nicht lange herum. Unzählige Morde werden in den Büchern Samuel und Könige beschrieben. Jesus dagegen brachte seine Gegner nicht um, auch als rechtmäßiger König von Israel nicht.

Viele Christen wissen das, aber bei Luther beachten sie das nicht. Ihm wollen sie das nicht zugestehen. Sie übertragen Luthers Aussagen und Lehren 1:1 in unsere Zeit und stören sich daran. Doch Luther kann nicht aus seiner Zeit herausgelöst und direkt in unsere Zeit übertragen werden. Luther würde die heutigen Christen sicherlich auch nicht immer verstehen. Zudem muss noch gesagt werden, dass Luther nur den Anfang machte. Er hatte noch nicht den vollen Überblick, den wir heute haben, auch der christliche Glaube entwickelte sich weiter. Er konnte z. B. nicht wissen, dass Gott sich Israel wieder zuwenden würde und sein Volk sammeln würde. Er konnte nicht verstehen, dass Israel von Gott auf die Seite gestellt wurde, damit die Heiden das Evangelium hören konnten. Für Luther waren behinderte Kinder vom Teufel entstellt. Damals sah man es so. Nicht nur Luther, sondern auch andere. Heute wissen wir mehr. Danke Wissenschaft und Medizin wissen wir, das manche behinderte Menschen einen Gendefekt haben, dass sie aber auch liebenswerte Menschen sind. Luther wusste das noch nicht. In seiner Zeit wurde das Wirken des Teufels überall hinein gedeutet. Man sah sich ständig vom Teufel bedroht. Das war eine Frucht des Katholizismus, die auch Martin Luther nie ganz loswurde. Luther hatte aber auch keinen Überblick über die erfüllten Prophezeiungen der Bibel, wie wir ihn heute haben. Er musste mit dem umgehen, was man zu dieser Zeit wusste. Und ich denke, er machte das Beste daraus.

Ich versuche, Luther nicht zu verklären, ihn aber auch nicht abzulehnen. Luther muss als Kind seiner Zeit gesehen werden. Im Übrigen gibt es keine perfekten Glaubenshelden. Die Bibel kennt einfach keine perfekten Heiligen, bis auf Jesus Christus. Alle hatten ihre Fehler und Mängel. Ihnen gestehen wir es zwar zu, aber warum wollen wir es Luther nicht zugestehen? David war ein Mörder, aber auch ein Mann nach dem Herzen Gottes. David war geistlich, aber er hatte auch ungeheuer starke fleischliche Regungen. Bei ihm erkennen wir das an. Warum also nicht auch bei Luther?

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